Warum du dich nicht veränderst, obwohl du es verstanden hast
Es gibt diesen merkwürdigen Moment, in dem man beginnt, sich selbst ziemlich klar zu erkennen. Man versteht, warum bestimmte Situationen immer wieder gleich ablaufen, weshalb manche Gedanken auftauchen oder warum man auf eine bestimmte Weise reagiert. Vielleicht hat man sogar Bücher darüber gelesen, Podcasts gehört oder lange darüber nachgedacht. Und trotzdem bleibt das Verhalten oft erstaunlich stabil. Die gleichen Reaktionen kommen wieder, obwohl man längst weiß, dass sie einem nicht guttun.
Häufig entsteht dann Frust. Denn wenn man etwas verstanden hat, müsste sich doch eigentlich auch etwas verändern. Zumindest fühlt es sich logisch an. Aber das Gehirn funktioniert nicht nach Logik, sondern nach Wiederholung.
Der Begriff Neuroplastizität beschreibt die Fähigkeit des Gehirns, sich an Erfahrungen anzupassen. Nervenzellen bilden Verbindungen, verstärken sie oder bauen sie wieder ab. Entscheidend dabei ist allerdings nicht, was wir einmal erkannt oder begriffen haben, sondern womit unser Gehirn regelmäßig arbeitet. Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen, die häufig wiederholt werden, hinterlassen Spuren. Mit der Zeit entstehen daraus Muster, die nicht mehr bewusst gesteuert werden müssen. Sie laufen automatisch ab, schnell und oft lange bevor der bewusste Verstand überhaupt eingreifen kann. Das kann man sich am besten wie Pfade im Wald vorstellen. Anfangs sieht man sie vielleicht kaum, doch je öfter jemand den Pfad entlang geht, desto ausgetretener wird er. So wie es Zeit braucht, bis ein Pfad im Wald sichtbar und gut begehbar wird, so dauert es aber auch eine Zeit, bis der Wald ihn sich langsam zurück geholt hat, wenn niemand ihn mehr beschreitet.
Deshalb reicht Einsicht allein meistens nicht aus. Man kann sehr genau wissen, dass eine bestimmte Reaktion unnötig, übertrieben oder sogar schädlich ist, und trotzdem passiert sie wieder. Nicht weil man zu schwach wäre oder sich nicht genug bemüht, sondern weil das Gehirn auf genau diese Reaktion trainiert wurde. Der Pfad ist gut begehbar geworden. Was oft wiederholt wurde, wird effizient. Das gilt für hilfreiche Gewohnheiten genauso wie für die, die uns im Weg stehen. Wie Wasser sucht sich auch unser Verhalten oft den Weg, der bereits vorgezeichnet ist. Nicht unbedingt den besten, sondern den, der am vertrautesten geworden ist.
Viele Menschen versuchen Veränderung deshalb ausschließlich über Gedanken zu erreichen. Sie analysieren sich selbst, nehmen sich vor, künftig anders zu handeln oder versuchen, bestimmte Denkweisen bewusst zu ersetzen. Das Problem dabei ist, dass das zugrunde liegende Muster häufig unverändert bleibt. Man versucht, einen alten Weg im Wald nicht mehr zu benutzen, obwohl er über Jahre hinweg immer wieder gegangen wurde. Gleichzeitig existiert der neue Weg oft nur als Idee. Der neue Weg ist viel beschwerlicher zu begehen.
Veränderung beginnt deshalb nicht in dem Moment, in dem man etwas versteht, sondern in dem Moment, in dem man beginnt, etwas anders zu erleben. Erst neue Erfahrungen können bestehende Muster langsam verschieben. Das geschieht selten plötzlich und fast nie durch einen einzelnen Entschluss. Viel häufiger entsteht Veränderung durch kleine Wiederholungen, durch neue Reaktionen in echten Situationen und durch Erfahrungen, die dem Gehirn zeigen, dass auch etwas anderes möglich ist. Mit der Zeit entstehen dadurch neue Pfade, während die alten langsam zuwuchern. Irgendwann ist der neue Weg nicht mehr der anstrengende, ungewohnte Weg, sondern der, den das Gehirn bevorzugt nutzt, weil er leichter zugänglich geworden ist.
Vielleicht liegt die Schwierigkeit also nicht darin, dass man nicht fähig zur Veränderung ist. Vielleicht versucht man nur, ein trainiertes System allein durch Einsicht umzuprogrammieren. Und genau deshalb fühlt sich Veränderung oft so widersprüchlich an: Man versteht bereits, was passieren müsste, aber das eigene Verhalten folgt noch immer den Wegen, die über lange Zeit entstanden sind.
Neuroplastizität bedeutet deshalb nicht, dass Veränderung einfach wäre. Aber sie bedeutet, dass Veränderung grundsätzlich möglich ist. Nicht durch einen einzigen Gedanken, sondern durch neue Erfahrungen, die oft genug wiederholt werden, bis aus ihnen irgendwann ein neuer Weg entsteht.
