Warum manche Chancen nur Wegweiser sind
Manchmal tun sich völlig unverhofft Chancen auf. Chancen, die auf den ersten Blick sehr interessant wirken. Immer mal wieder öffnen sich für mich Türen, von denen ich gar nicht wusste, dass es sie gibt. Erst vor kurzem bot sich mir beruflich eine Chance, an die ich zuvor nie gedacht hatte. Im ersten Moment fand ich die Möglichkeit sehr interessant und ein Teil von mir wollte sie sofort ergreifen. Mein Bauchgefühl war da schon differenzierter und meldete sich mit einem merkwürdigen Gefühl. Es sagte mir, dass hier irgendwas mit dieser Chance nicht richtig passt.
Eigentlich weiß ich, dass mein Bauchgefühl in der Regel recht hat. Immer wenn ich es bisher ignoriert habe, hat es sich hinterher als Fehler herausgestellt. Aber in dem Moment, als die Chance sich auftat, trat etwas auf den Plan, was inzwischen FOMO genannt wird. FOMO steht für Fear of Missing Out. Also die Angst, etwas zu verpassen. Diese Angst ist ein schlechter Ratgeber. Sie verleitet uns dazu, Risiken auszublenden und Chancen vorschnell zu idealisieren. Plötzlich beschäftigen wir uns nicht mehr mit der Frage, ob etwas wirklich zu uns passt, sondern nur noch damit, was passiert, wenn wir Nein sagen.
Zumindest bei mir tauchen Themen, bei denen etwas Wichtiges zu entscheiden ist, meistens vor dem Wochenende auf. FOMO wurde dadurch ausgehebelt, denn ich konnte meine Entscheidung sowieso erst nach dem Wochenende mitteilen. Im ersten Moment fand ich es dennoch lästig, da ich Dinge gerne direkt angehe. Vor solchen FOMO-getriebenen Entscheidungen ist es aber durchaus nützlich, wenn erstmal eine Pause erzwungen wird. Denn so hatte ich Zeit, die Sache aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und nochmal genauer darauf zu hören, was mein Bauch mir eigentlich sagen will. Die Entscheidungen, die sich später als falsch entpuppt hatten, waren immer Entscheidungen gegen mein Bauchgefühl. Daher ist ein seltsames Gefühl im Bauch für mich meistens ein guter Indikator, dass irgendwo irgendwas nicht stimmt.
Schlussendlich habe ich mich gegen die Möglichkeit entschieden und der Sache eine Absage erteilt. Es zeigten sich tatsächlich zu viele Warnsignale. Diese Signale waren von Anfang an da, aber die Angst, hier etwas zu verpassen, hat sie klein gemacht und in den Hintergrund geschoben. Dabei waren sie so offensichtlich, dass ich mich später selbst gewundert habe, warum ich die nicht sofort stärker beachtet habe. Wer weiß, vielleicht wird sich irgendwann später zeigen, dass meine Entscheidung doch falsch war. Aber dann war es immer noch eine selbstbestimmte und nicht aus Angst heraus getroffene Entscheidung.
Die sich öffnende Tür war keine, durch die ich gehen musste. Stattdessen hat sie etwas anderes bewirkt: Ich habe mir Gedanken über ein Thema gemacht, über das ich vorher nie nachgedacht habe. Und dadurch wurden neue Türen sichtbar, die ich sonst nicht entdeckt hätte. Die Tür, durch die ich nicht gegangen bin, hat mir gezeigt, dass es mehr Möglichkeiten gibt, als ich bisher angenommen hatte. Und manchmal ist das der eigentliche Wert einer Chance.
Vielleicht war genau das ihre eigentliche Aufgabe. Nicht mir einen neuen Weg vorzugeben, sondern meinen Blick zu weiten. Oft fühlen wir uns in unserem Leben festgefahren, weil wir glauben, es gäbe nur die Möglichkeiten, die wir bereits kennen. Dann öffnet sich plötzlich eine neue Tür und erinnert uns daran, dass wir nicht so feststecken, wie wir vielleicht dachten.
Man muss nicht durch jede offene Tür gehen. Manchmal reicht es zu wissen, dass es überhaupt noch andere Türen gibt. Denn allein die Erkenntnis, eine Wahl zu haben, kann etwas verändern. Sie nimmt dem Gefühl die Macht, festzustecken, und macht aus einer vermeintlichen Sackgasse wieder einen Weg mit mehreren Richtungen. Und manchmal zeigt uns eine offene Tür nicht einen neuen Weg, sondern nur, dass wir die Antwort bereits kannten. Nicht jede Möglichkeit ist eine Einladung. Manche sind einfach nur eine Erinnerung daran, dass der Flur weitergeht.
