Wenn wir jemanden erleben, der selbstbewusst auftritt, wirkt es häufig so, als wäre diese Sicherheit einfach da. Die Person spricht frei, trifft Entscheidungen, vertritt ihre Meinung und scheint auch mit Gegenwind gut umgehen zu können. Bei anderen sieht es ganz anders aus. Sie zweifeln länger, halten sich zurück oder überlegen noch nach einem Gespräch, ob sie etwas besser anders gesagt hätten.
Dadurch entsteht leicht der Eindruck, Selbstvertrauen sei eine feste Eigenschaft. Manche haben es von Geburt an, andere haben davon eben weniger mitbekommen.
Unsere Entwicklung spricht allerdings für ein anderes Bild.
Schon in der Kindheit sammeln wir Erfahrungen darüber, was wir selbst bewirken können. Wir treffen Entscheidungen, probieren Dinge aus, scheitern, bekommen Unterstützung und erleben, dass wir Aufgaben aus eigener Kraft bewältigen können. Aus diesen Erfahrungen entsteht mit der Zeit eine Vorstellung davon, was wir uns selbst zutrauen.
Der Psychologe Albert Bandura hat dafür den Begriff der Selbstwirksamkeit geprägt. Gemeint ist die Überzeugung, auch schwierige Situationen aus eigener Kraft bewältigen und durch das eigene Handeln etwas bewirken zu können.
Diese Überzeugung wächst vor allem durch eigene Erfahrungen. Wenn wir eine Herausforderung bewältigen, erhält unser Gehirn eine wichtige Information: Ich kann das.
Beim nächsten Mal ist diese Erfahrung bereits vorhanden. Die Situation kann weiterhin unangenehm sein, aber sie ist nicht mehr völlig unbekannt. Wir wissen, dass wir schon einmal mit etwas Ähnlichem zurechtgekommen sind.
Auf diese Weise kann ein Kreislauf entstehen. Eine bewältigte Herausforderung stärkt das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Dieses Vertrauen macht es leichter, sich der nächsten Herausforderung zu stellen. Die nächste Erfahrung kann das Vertrauen wiederum weiter festigen.
Der umgekehrte Kreislauf funktioniert ebenfalls.
Wer sich selbst wenig zutraut, vermeidet häufiger Situationen, in denen dieses Vertrauen wachsen könnte. Eine Bewerbung wird nicht abgeschickt. Die eigene Meinung bleibt unausgesprochen. Eine neue Aufgabe wird lieber jemand anderem überlassen. Kurzfristig fühlt sich das sicherer an. Langfristig fehlen dadurch Erfahrungen, die etwas an der eigenen Einschätzung verändern könnten.
Das macht auch verständlich, warum Selbstvertrauen selten einfach auftaucht, bevor man etwas wagt.
Wer zum ersten Mal vor einer Gruppe spricht, wird wahrscheinlich nervös sein. Wer es trotzdem tut und anschließend feststellt, dass die Situation bewältigbar war, nimmt eine neue Erfahrung mit. Beim nächsten Mal ist die Nervosität möglicherweise immer noch da. Gleichzeitig existiert nun die Erinnerung daran, dass man es bereits geschafft hat.
Selbstvertrauen wächst auf diese Weise häufig unspektakulär. Es sind nicht immer die großen Erfolge, die einen Unterschied machen. Oft sind es die vielen kleinen Situationen, in denen wir uns etwas zutrauen und anschließend feststellen, dass wir damit zurechtgekommen sind.
Dabei spielt auch der Umgang mit Fehlern eine wichtige Rolle.
Wer einen Fehler sofort als Beweis für die eigene Unfähigkeit interpretiert, kann sein Selbstvertrauen mit jeder schwierigen Erfahrung weiter schwächen. Ein Fehler kann aber auch einfach eine Information sein. Etwas hat nicht funktioniert. Eine andere Vorgehensweise ist erforderlich. Daraus lässt sich lernen.
Das ist besonders wichtig, weil niemand dauerhaft erfolgreich sein kann. Wer sein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten davon abhängig macht, dass alles funktioniert, baut auf einer ziemlich wackeligen Grundlage.
Ein stabiles Selbstvertrauen muss auch einen schlechten Tag aushalten.
Es bedeutet deshalb auch nicht, dass man sich ständig sicher fühlt. Selbstbewusste Menschen können nervös sein, Angst haben oder Zweifel verspüren. Sie interpretieren diese Gefühle häufig anders. Nervosität vor einem Vortrag ist zunächst einmal Nervosität. Sie sagt wenig darüber aus, ob jemand einen guten Vortrag halten kann. Zweifel vor einer wichtigen Entscheidung zeigen, dass eine Entscheidung Bedeutung hat. Sie sind kein Beweis dafür, dass man unfähig ist, sie zu treffen.
Das eröffnet einen interessanten Gedanken: Man muss sich nicht erst selbstbewusst fühlen, um selbstbewusst handeln zu können.
Man kann handeln, obwohl man unsicher ist.
Das kann am Anfang ungewohnt sein. Mit jeder solchen Erfahrung verändert sich jedoch die eigene Ausgangslage. Was vorher vollkommen neu war, wird vertrauter. Was einmal viel Überwindung gekostet hat, kann irgendwann selbstverständlich werden.
Dabei muss man sich nicht ständig möglichst großen Herausforderungen aussetzen. Selbstvertrauen lässt sich auch im Kleinen entwickeln. Eine eigene Entscheidung treffen. Eine Meinung aussprechen. Eine Aufgabe übernehmen, die man sich bisher nicht zugetraut hat. Eine Grenze setzen. Eine Sache ausprobieren, obwohl noch nicht feststeht, wie sie ausgehen wird.
Solche Erfahrungen sammeln sich.
Irgendwann entsteht daraus ein innerer Erfahrungsschatz, auf den wir zurückgreifen können. Ich habe mich schon einmal getraut. Ich habe schon einmal eine schwierige Situation überstanden. Ich habe einen Fehler gemacht und konnte damit umgehen. Ich habe eine Entscheidung getroffen und die Konsequenzen getragen.
Aus diesen Erfahrungen entsteht etwas, das sich von außen wie Selbstsicherheit zeigt.
Selbstvertrauen ist deshalb keine unveränderliche Eigenschaft, die einigen Menschen mitgegeben wurde und anderen fehlt. Es entwickelt sich über das, was wir erleben, ausprobieren und bewältigen.
Und das bedeutet auch: Die eigene Geschichte ist noch nicht fertig geschrieben.
Jede neue Erfahrung kann etwas daran verändern, wie wir uns selbst einschätzen. Manchmal beginnt diese Veränderung mit einer ziemlich kleinen Sache. Mit einem Schritt, den man sich bisher nicht zugetraut hat.
Man muss dafür nicht plötzlich ein anderer Mensch werden.
Es reicht, sich selbst immer wieder die Gelegenheit zu geben, zu erleben, was man alles schaffen kann.
Weiterführende Quellen:
Bandura, A. (1977): Self-efficacy: Toward a unifying theory of behavioral change. Psychological Review, 84(2), 191–215.
Bandura, A., Adams, N. E. & Beyer, J. (1977): Cognitive processes mediating behavioral change. Journal of Personality and Social Psychology, 35(3), 125–139.
Sheeran, P. et al. (2018): Unique effects and moderators of effects of sources on self-efficacy: A model-based meta-analysis.
