Ruhe muss nicht still sein

Wer nach Möglichkeiten sucht, den Kopf zur Ruhe zu bringen, stößt früher oder später fast zwangsläufig auf Meditation. Meditation soll helfen, Stress abzubauen, die Gedanken zur Ruhe zu bringen und mehr im gegenwärtigen Moment zu leben. Das kann sie auch. Nur liegt nicht jedem die Vorstellung, still dazusitzen und sich auf den eigenen Atem oder die Gedanken zu konzentrieren. Mir persönlich fällt es manchmal schwer, dabei nicht gedanklich abzuschweifen oder von der Umgebung abgelenkt zu werden.

Manche meditieren regelmäßig und empfinden diese Zeit als angenehm. Andere versuchen es einige Male und stellen fest, dass sie damit wenig anfangen können. Vielleicht fällt ihnen das Stillsitzen schwer, vielleicht schweifen ihre Gedanken ständig ab oder sie haben schlicht keine Lust darauf. Gerade zu Beginn, wenn Meditation noch ungewohnt ist, kann auch die Sitzhaltung nach einer Zeit schmerzen. Trotzdem entsteht manchmal der Eindruck, Meditation sei der naheliegende Weg, wenn man lernen möchte, abzuschalten und mehr im Hier und Jetzt zu sein.

Dabei kann man diesen Zustand auch auf ganz andere Weise erreichen. An manchen Tagen ist Meditation einfach nicht mein Mittel der Wahl. Was dann aber meistens hilft, ist ein Besuch im Fitnessstudio oder irgendein anderer Sport. Beim Sport passiert etwas, das zunächst widersprüchlich klingt. Während der Körper arbeitet, wird es im Kopf ruhiger. Beim Training konzentriere ich mich auf die Bewegung, auf die Ausführung und auf das, was ich gerade tue. Gedanken an Arbeit, Termine oder Dinge, die mich beschäftigen, treten für eine Weile in den Hintergrund. Meine Aufmerksamkeit ist dort, wo auch mein Körper ist: im gegenwärtigen Moment.

Im Grunde ist genau diese Präsenz auch ein wichtiger Bestandteil vieler Meditationsformen. Dabei geht es nicht darum, überhaupt keine Gedanken mehr zu haben. Gedanken werden weiterhin auftauchen. Entscheidend ist vielmehr, die Aufmerksamkeit immer wieder auf das zurückzubringen, was gerade geschieht, statt gedanklich ständig bei gestern oder morgen zu sein.

Dafür muss man nicht zwangsläufig stillsitzen. Auch Bewegung kann unsere Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Moment richten. Beim Krafttraining konzentriert man sich auf die kontrollierte Ausführung einer Übung, die Körperspannung und die Belastung. Beim Laufen können es der Rhythmus der Schritte und die Atmung sein. Beim Schwimmen die wiederkehrenden Bewegungen und das Wasser. Auch Radfahren, Wandern oder andere Sportarten können einen Zustand erzeugen, in dem für eine Weile vor allem das zählt, was man gerade tut.

Dass Bewegung und Meditation keine Gegensätze sein müssen, zeigt sich besonders deutlich in verschiedenen asiatischen Bewegungskünsten. Tai Chi beispielsweise verbindet langsame, bewusst ausgeführte Bewegungen mit Atmung, Konzentration und Körperwahrnehmung. Die Aufmerksamkeit bleibt bei der Bewegung und damit bei dem, was gerade geschieht. Bewegung selbst wird hier zum Gegenstand der Meditation.

Auch in Kampfkünsten findet sich dieses Prinzip wieder. Eine Bewegung bewusst auszuführen erfordert Präsenz. Wer sich mit Haltung, Gleichgewicht, Atmung, Distanz oder dem richtigen Zeitpunkt einer Technik beschäftigt, hat wenig Raum, gleichzeitig gedanklich bei der Arbeit oder dem nächsten Termin zu sein. Gerade bei komplexeren Bewegungsabläufen fordert der Körper die Aufmerksamkeit regelrecht ein. Das Hier und Jetzt ist dann keine abstrakte Vorstellung mehr, sondern etwas, das unmittelbar erlebt wird. Beispiele dafür sind das Üben einer Kata im Karate oder der Formen im Wing Tsun. Manchmal entsteht Präsenz also nicht dadurch, dass wir versuchen, an nichts anderes zu denken. Sie entsteht, weil das, was wir gerade tun, unsere Aufmerksamkeit vollständig verlangt.

Sport und Meditation sind deshalb nicht dasselbe. Es wäre zu einfach, ihre Wirkungen gleichzusetzen. Körperliche Bewegung beeinflusst zahlreiche Prozesse im Körper und im Gehirn, während Meditation andere Schwerpunkte setzt. Dennoch gibt es Überschneidungen bei dem, was wir dabei erleben können. Bewegung kann Stress reduzieren, die Stimmung beeinflussen und dabei helfen, kreisende Gedanken zu unterbrechen. Auch Untersuchungen deuten darauf hin, dass körperliche Aktivität Rumination, also wiederkehrendes Grübeln über dieselben Gedanken und Probleme, verringern kann. Wer während des Trainings vollständig mit der aktuellen Bewegung beschäftigt ist, beschäftigt sich in diesem Moment eben nicht gleichzeitig mit dem Problem, das vorher noch den ganzen Raum im Kopf eingenommen hat.

Gerade dieser Abstand kann wertvoll sein. Interessanterweise kommen mir beim Training häufig meine besten Ideen. Nicht dann, wenn ich am Schreibtisch sitze und versuche, eine Lösung zu erzwingen, sondern während ich mich mit etwas völlig anderem beschäftige. Manchmal taucht mitten im Training plötzlich eine Idee auf, obwohl ich über das betreffende Thema überhaupt nicht bewusst nachgedacht habe. Dass Bewegung kreatives Denken begünstigen kann, zeigte unter anderem eine Studie der Stanford University. Besonders beim Entwickeln neuer Ideen schnitten die Teilnehmer während des Gehens besser ab als im Sitzen.

Das bedeutet nicht, dass Sport auf irgendeine geheimnisvolle Weise Lösungen produziert. Vielmehr kann es hilfreich sein, ein Problem eine Zeit lang nicht bewusst bearbeiten zu wollen. Wenn die Aufmerksamkeit woanders liegt, bekommt der Kopf Abstand von dem Gedanken, um den er zuvor immer wieder gekreist ist. Bewegung kann außerdem kreatives Denken begünstigen. Gerade für offene Fragestellungen kann dieser Wechsel zwischen konzentriertem Nachdenken und einer Phase, in der man sich anderen Dingen widmet, hilfreich sein.

Vielleicht liegt darin auch ein Teil dessen, was Sport für manche Menschen zu einer Art Bewegungsmeditation macht. Der Kopf bekommt keine ausdrückliche Anweisung, endlich ruhig zu sein. Er bekommt schlicht etwas anderes zu tun. Dabei muss es auch nicht um Leistung gehen. Niemand muss einen Marathon laufen oder fünfmal pro Woche im Fitnessstudio trainieren, um diese Erfahrung machen zu können. Entscheidend ist weniger, welche Form der Bewegung man wählt, sondern ob sie einen für eine Weile aus dem Gedankenkarussell holt und die Aufmerksamkeit auf das richtet, was gerade geschieht.

Meditation kann ein sehr guter Weg sein, um Ruhe zu finden, präsent zu sein und den Umgang mit den eigenen Gedanken zu verändern. Wer damit nichts anfangen kann, muss daraus aber nicht schließen, dass ihm diese Form von Ruhe grundsätzlich verschlossen bleibt. Vielleicht funktioniert der eigene Zugang einfach anders. Für den einen bedeutet Ruhe, still zu sitzen und den Atem wahrzunehmen. Für den anderen entsteht sie auf einem Waldweg, im Schwimmbecken, auf dem Fahrrad oder zwischen zwei Sätzen beim Krafttraining. Der Weg zur Ruhe muss selbst nicht ruhig sein. Manchmal braucht der Kopf Bewegung, um still zu werden.

Weiterführende Quellen: