Säulen in Wiesbaden

Die Illusion der Austauschbarkeit

Ein Satz, den man in Unternehmen immer wieder hört, lautet: „Jeder ist ersetzbar.“ Besonders dann, wenn ein Mitarbeiter kündigt oder das Unternehmen verlässt, fällt oft schnell der nächste Satz: „Kein Problem, wir besetzen die Stelle einfach nach.“ Auf den ersten Blick klingt das plausibel. Schließlich wird eine freie Stelle ausgeschrieben, ein neuer Mitarbeiter eingestellt und der Arbeitsplatz ist wieder besetzt. Das Problem ist nur: Eine besetzte Stelle bedeutet noch lange nicht, dass alles wieder so funktioniert wie zuvor.

Schon die Aussage, jeder sei austauschbar, kann bei Mitarbeitern einiges auslösen. Wer hört, dass Menschen jederzeit ersetzt werden können, fragt sich zwangsläufig, welchen Wert die eigene Arbeit eigentlich hat. Wird überhaupt gesehen, was ich täglich leiste? Weiß jemand, welche Aufgaben ich übernommen habe? Versteht überhaupt jemand, wie die Abläufe funktionieren?

Menschen, die das Gefühl bekommen, lediglich eine austauschbare Ressource zu sein, identifizieren sich selten stärker mit ihrem Unternehmen. Im Gegenteil. Motivation und Engagement nehmen oft ab und nicht wenige beginnen, sich nach einer neuen Stelle umzusehen.

Doch selbst wenn tatsächlich jemand geht und die Position schnell neu besetzt werden kann, beginnt die eigentliche Herausforderung erst dann. Unternehmen ersetzen in diesem Moment eine Stelle. Einen Menschen ersetzen sie nicht. Denn mit dem ausscheidenden Mitarbeiter verschwindet weit mehr als nur Arbeitskraft. Erfahrung geht verloren. Beziehungen zu Kollegen und Kunden gehen verloren. Eingespielte Abläufe verändern sich. Implizites Wissen, das nie irgendwo dokumentiert wurde, verschwindet ebenfalls. Vieles davon fällt erst auf, wenn es plötzlich fehlt.

Je nach Branche kann es Monate oder sogar Jahre dauern, bis eine neue Person dieses Wissen aufgebaut hat. In spezialisierten Fachgebieten ist das keine Ausnahme, sondern eher die Regel. Während dieser Zeit sinkt die Produktivität fast zwangsläufig. Das lässt sich kaum vermeiden. Aber selbst, wenn man jemanden finden würde, der fachlich exakt dieselben Qualifikationen mitbringt, wäre damit noch längst nicht alles wie vorher. Menschen arbeiten unterschiedlich. Fachwissen allein macht Menschen noch lange nicht austauschbar. Sie setzen andere Schwerpunkte, kommunizieren anders und bringen ihre eigene Persönlichkeit mit.

Der eine legt besonderen Wert auf Wirtschaftlichkeit und achtet darauf, möglichst viele Leistungen korrekt abzurechnen und Umsatz zu generieren. Ein anderer entscheidet häufiger zugunsten des Kunden und handelt kulanter. Beide können ihre Arbeit hervorragend machen und dennoch völlig unterschiedliche Ergebnisse erzielen. Nicht weil einer besser oder schlechter ist, sondern weil Persönlichkeit, Werte und Arbeitsweise immer Einfluss auf das Ergebnis haben. Dazu kommt die soziale Komponente. Vielleicht passt die neue Person fachlich hervorragend zur Stelle, menschlich aber überhaupt nicht ins Team. Plötzlich entstehen Missverständnisse oder Konflikte, die es vorher nie gegeben hat. Auch das gehört zu dem, was beim Gedanken der Austauschbarkeit oft übersehen wird.

Darin liegt die Illusion der Austauschbarkeit.

Wir neigen dazu, Menschen auf ihre Funktion zu reduzieren. Als würden sie lediglich eine Rolle ausfüllen, die anschließend einfach von jemand anderem übernommen werden kann. Tatsächlich bringt aber jeder Mensch etwas mit, das sich weder in einem Organigramm noch in einer Stellenbeschreibung wiederfindet.

Vielleicht ist deshalb der Satz „Jeder ist ersetzbar“ zwar organisatorisch richtig, menschlich aber falsch. Eine Stelle kann nachbesetzt werden. Ein Mensch hinterlässt trotzdem eine Lücke. Vielleicht lohnt es sich deshalb, diesen Satz nicht nur organisatorisch, sondern auch menschlich zu betrachten.